Die Geschichte des Tabaks ganz anschaulich und greifbar
„Info-Zentrum Tabakanbau in Franken“ in Rudelsdorf offiziell eröffnet – Sehr viele Gäste – Besucher restlos begeistert
Im Kammersteiner Ortsteil Rudelsdorf existiert ein „Infozentrum Tabakanbau in Franken“. Das kleine Museum in der ersten Etage einer ehemaligen Tabaktrocknungshalle ist seit Anfang März 2024 in Betrieb. Bemerkenswert ist dies auch deshalb, weil das Projekt vor mehr als zehn Jahren mehrmals für tot erklärt wurde, aber dank des Zusammenwirkens des Kammersteiner Bürgermeisters Wolfram Göll, des Gemeinderats und der Dorfgemeinschaft Rudelsdorf dennoch binnen dreier Jahre realisiert wurde.
Der Tabak sei über Jahrhunderte tief in der Kultur und im Bewusstsein der Bevölkerung der Gemeinde verankert, betonte der Kammersteiner Bürgermeister Wolfram Göll in seiner Eröffnungsansprache. Praktisch jeder Hof in der Region habe zumindest nebenbei Tabak angebaut. „Wenn man mit alten Leuten spricht, ob aus der Landwirtschaft oder nicht, erzählen alle, dass sie als Kinder bei der Tabak-Ernte oder beim Auffädeln geholfen haben. Und so schwer diese Arbeit damals auch war: Dabei leuchten ihre Augen“, erzählte der Bürgermeister.
Das Tabak-Infozentrum Rudelsdorf sei einmalig in ganz Bayern und bilde nun ein Alleinstellungsmerkmal der Gemeinde. „Nirgendwo anders wird ausschließlich der Tabakanbau in unserer Region dargestellt, und das in einer ganz großen Breite und Tiefe, von der Geschichte über die Biologie bis zu Anbau, Produktion, Vertrieb und Werbung – ein umfassendes Bild des gesamten Themas“, bilanzierte der Bürgermeister.
„Gut Ding will Weile haben“, lautete eine der Botschaften bei der Eröffnung. Schließlich erstreckten sich die Planungen von den ersten Ideen bis zum Einweihung über 15 Jahre. Zwischenzeitlich wäre das Projekt fast gestorben, weil nicht ganz klar war, wie leistungsfähig der Ortsverein Rudelsdorf noch ist.
Die Mitglieder der Vereinigung der Einwohner des Dorfes hatten sich nämlich bereit erklärt, ehrenamtlich die Aufsicht zu den Öffnungszeiten zu übernehmen. „Anders wäre das für eine kleine Gemeinde nicht zu machen“, erklärte Wolfram Göll, der das Projekt im Mai 2021 wieder aufleben ließ. Nach einem Treffen verschiedener Entscheider mit dem Ortsverein war klar: „Wir ziehen das durch.“ Die Bauzeit betrug 18 Monate.
Größte Hürde war die Beteiligung der Europäischen Union über ihr Förderprojekt LEADER. Dem Kammersteiner Rathaus aber ist es in Zusammenarbeit mit der „LAG Erlebenswelten“ im Landkreis Roth gelungen, das hochkomplexe Antragsverfahren mit zahlreichen Unterlagen so zeitnah einzureichen, dass das Info-Zentrum noch in der bis 2023 laufenden „alten“ Förderperiode zum Zuge kam. Bei Gesamtkosten von knapp 225.000 Euro flossen fast 97.000 Euro aus Brüssel. Etwa 112.000 Euro leistete die Gemeinde. Der Landkreis Roth steuerte gut 16.000 Euro bei. Vom Bezirk Mittelfranken kamen 4000 Euro Förderung.
Das Info-Zentrum zeichnet sich durch eine lebendige Ausstellung aus, die den Tabakanbau äußerst realistisch erlebbar macht, wie der Kammersteiner Bürgermeister Wolfram Göll erläuterte. So findet man in den drei Räumen den Nachbau eines Wohnhauses mit Tabak-Blättern an der Fassade und im Dachstuhl, wo die Trocknung stattgefunden hat. Realistische Spinnweben inklusive. Auf dem Nachbau einer Scheune mit Werkstatt prangt ein gelbes Schild mit „Reval“-Zigaretten-Werbung.
Denn das ist ein weiterer Teil des Info-Angebots: Die kulturgeschichtliche Bedeutung des Tabakanbaus zwischen Grundlage für Wohlstand und Gesundheitsgefährdung. Allerdings ist in der 400-jährigen Geschichte des Tabakanbaus erst seit etwa 1964 wissenschaftlich gesichert, dass die Schwebstoffe im Zigaretten-Rauch tödliche Lungenkrebserkrankungen auslösen können.
Auch das erfährt man im Info-Zentrum, für dessen Umsetzung ausschließlich regionale Akteure verantwortlich waren. Das wissenschaftliche Konzept stammt vom Archäologen Dr. Thomas Liebert aus Roßtal. Innenarchitekt Roland Stengel aus Heideck hat daraus einen konkreten Plan gemacht. Die Schreinerei Kratzer aus Greding und die Firma Elektro Scharrer aus Kammerstein haben ihn in Realität verwandelt.
Bürgermeister Wolfram Göll dankte außerdem einigen Kammersteiner Bürgern für ihren Einsatz. „Christa Süß mit Familie und Thomas Heidner sowie die Gemeinderatsmitglieder Jutta Niedermann-Kriegel und Richard Götz sind mit Engagement und Herzblut dabei gewesen“, so Göll. Viele aktive und ehemalige Tabakbauern aus der Gemeinde haben die Ausstellung mit Material und Informationen unterstützt. „Denn 400 Jahre Tabakanbau prägen die Landschaft und die Menschen der Region“, erklärte Thomas Liebert.
So komplettieren zahlreiche historische Exponate aus dem Tabakanbau der Region das museale Angebot. Immerhin gab es in den 1930er Jahren im Mittel- und Unterfranken 3094 landwirtschaftliche Betriebe, die mit Tabakanbau Geld verdienten. 1993 waren es noch 106. Heute sind es weniger als 20 in Mittelfranken, erklärte Thomas Burk, Vorsitzender der „Erzeugergemeinschaft Bayern“ aus Gustenfelden.
„Auf den sandigen Böden Frankens hatte der Tabak gerade auf den kleinen Flächen große Bedeutung für Wirtschaft und Wohlstand der Region“, so Burk. Noch heute erfordere das Nachtschattengewächs einen enormen Arbeitsaufwand. „Pro Hektar etwa 485 Stunden“, rechnete Burk vor.
Bundestagsabgeordneter Ralph Edelhäußer erklärte, die Schau sei ganz wunderbar, weil frisch und modern. „Sie passt exakt zu unserer Kultur hier im Raum“, so der Parlamentarier. Bezirkstagspräsident Peter Daniel Forster machte darauf aufmerksam, dass fränkischer Tabak weltweit gefragt sei. Zugleich zeigte er sich zufrieden damit, dass auch die Schattenseiten des Tabakkonsums beleuchtet werden.
Das „Infozentrum Tabakanbau in Franken“ in Rudelsdorf ist regulär jeden ersten und dritten Sonntag im Monat von 14.00 bis 16.00 Uhr geöffnet – und zwar immer von März bis Oktober. Sonderführungen für Gruppen bitte telefonisch vereinbaren unter 09122-9255-0.
Den Prospekt zum Tabak-Infozentrum finden Sie unter www.kammerstein.de/tabakhalle .



